Atomland NRW

Der Atomausstieg in Deutschland gilt zwar als beschlossen, aber in Deutschland sind noch bis mindestens Ende 2022 Atomkraftwerke in Betrieb. Damit bleibt Deutschland mit seinem sogenannten Atomausstieg weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Entsorgungsfrage ist nicht nur seit Jahrzehnten ungelöst, sie verschärft sich sogar mit jedem weiteren Jahr, in welchem hochradioaktiver Atommüll in Castorbehältern gelagert wird. Gleiches gilt für den schwach- und mittelradioaktiver Müll in gelben Fässern. Diese werden seit Jahrzehnten in einen Kreislauf ohne wirkliches Ziel geschickt. Alle diese Behälter kommen in die Jahre und die Risiken steigen zusehends. NRW spielt bei der Entsorgungsfrage eine entscheidende Rolle.

Damit aber nicht genug! Mit der Urananreicherungsanlage in Gronau und der benachbarten Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen ist Deutschland sogar eine der Nationen, die international gesehen den atomaren Irrsinn noch befeuert.
Dabei gilt nach wie vor: Die Atom-Technologie ist und bleibt mit unkalkulierbaren Risiken verbunden. Und während einige wenige ihren Profit daraus schlagen, kommen für die Folgen nicht nur wir, sondern tausende zukünftige Generationen auf.

NRW ist mit der Urananreicherungsanlage in Gronau, mit den Konditionierungsanlagen für schwach- und mittelradioaktivem Müll in Duisburg und Jülich, sowie dem Zwischenlager in Ahaus mitten drin im atomaren Geschehen. Zudem ist NRW mit seiner dichten Verkehrsinfrastruktur von einer Vielzahl von Atomtransporten direkt betroffen. Täglichen rollen hier Uran, Zwischenprodukte der Uranverarbeitung, Kernbrennstäbe und Atommüll mit unterschiedlichen Strahlungsintensitäten über die Straßen und Schienennetze – oft ungesichert und damit hochriskant.

GNS-Gelände an der Richard-Seyffert-Straße in Duisburg-WanheimAtomstandort Duisburg

Seit 1985 wird in Duisburg schwach- und mittelradioaktiver Atommüll verarbeitet. Hiermit verbunden sind zahlreiche Atommüll-Transporte von und nach Duisburg. Dieser Atommüll stammte vornehmlich aus laufenden Atomanlagen und wurde in Duisburg „behandelt“, d. h. gepresst, getrocknet, verpackt und – besonders bedenklich – „freigmessen“. In den letzten Jahren trat zunehmend das Problem auf, dass die Atommüllbehälter altersbedingt zu einem noch größeren Risiko wurden. Es wurde erforderlich, die alten Atommüllfässer nachzubehandeln. Hierfür wurden beispielsweise mehrere hundert Fässer aus dem Zwischenlager Gorleben nach Duisburg transportiert. Dort nahm man einige technische Veränderungen vor, stapelte die so behandelten Fässer in größere Container, verfüllte das ganze mit Beton und schaffte das Ganze nach und nach ins Zwischenlager nach Ahaus.

Damit begann dann eine weitere Etappe im Kreislauf der sogenannten Entsorgung. Eigentlich wollte man diese Abfälle in einem eigens dafür konzipierten Endlager „Schacht Konrad“ entsorgen, aber hier gibt es seit Jahrzehnten (!) Verzögerungen bei der Inbetriebnahme. Es steht zu befürchten, dass NRW mit seinem „zentralen Zwischenlager“ in Ahaus auf Jahrzehnte auf diesem Müll sitzen bleibt, obwohl für das dortige Lager in absehbarer Zeit sämtliche Genehmigungen auslaufen und das, obwohl dieses Lager den Mindestanforderungen an Sicherheit schon lange nicht mehr entspricht. Tatsächlich gibt es aktuell (Januar 2019) Anträge, das Lager in Ahaus zumindest bis 2057 weiterlaufen zu lassen (anstatt in wenigen Jahren dicht zu machen). NRW bleibt das Atommüllklo der Republik und Duisburg ist mit seiner Anlage zur Behandlung von schwach- und mittelradioaktivem Müll ein zentrales Scharnier: Erst kommt der Müll aus ganz Deutschland nach Duisburg, wird gehäckselt, neu verpackt geht nach Ahaus. Und dort staut er sich dann bis zum St.-Nimmerleins-Tag … ?

Auch wenn die Anlage in Duisburg im Laufe des Jahres 2019 geschlossen werden soll, wird sich daran wenig ändern, denn inzwischen wurde der Treck mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll nur ein paar Kilometer weiter westlich nach Jülich umgeleitet.

Atomstandort Jülich

Jülich ist seit Jahrzehnten Atomstandort. Inzwischen ist Jülich Standort Nr. 1 in der Verarbeitung der schwach- und mittelradioaktiven Abfälle. Dort sind die Auftragsbücher allein schon auf Grund der immer öfter erforderlich werdenden Nachbehandlung der veralteten Atommüllfässer auf Jahre hinaus voll. Die zu erwartende Beseitigung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen aus dem Rückbau der stillgelegten bzw. noch stillzulegenden Atomkraftwerke wird dies noch weiter befördern. Ein nicht geringer Teil dieser Abfälle wird dann wie gehabt durch NRW ins Zwischenlager Ahaus geschafft.

der 1988 stillgelegte Versuchsreaktor in Jülich

der 1988 stillgelegte Versuchsreaktor in Jülich

Ebenso bedeutsam ist Jülich als Kernforschungszentrum. Dort wurde seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein kommerzieller Versuchsreaktor betrieben, dessen Geschichte eine endlose Folge ist aus Störfällen, Vertuschungen und Schlampereien sowohl bei den Betreibern als auch auf Seiten von Politik und Verwaltung. Die Altlasten belasten das atomare Erbe seit Jahrzehnten und ein Ende ist auf Jahrhunderte oder Jahrtausende nicht in Sicht.

Besonders heikel ist der Umgang mit 152 Castoren, deren Lagergenehmigung in Jülich bereits seit Mitte 2013 ausgelaufen ist. Seitdem wird nur über sogenannte „ministerielle Duldungserlasse“ ein Verbleib in der mit Abstand unsichersten Zwischenlagerhalle der Republik möglich gemacht. Und während die Aufsichtsbehörden eine unverzügliche Räumung der Halle anordnen, passiert nichts anderes als Zeitspiel.
Zur Diskussion stehen drei Optionen: Export des Atommülls in die USA, Abtransport nach Ahaus und Neubau eines Lagers in Jülich. Ein Export widerspricht dem Atomgesetz. Um dies trotzdem als Option im Rennen zu halten, ziehen die Verantwortlichen sämtliche Register, die diesen als geeignet erscheinen, um Gesetzeslücken zu nutzen. So ist z. B. ein Export von Atommüll aus Forschungsanlagen erlaubt. Also wird im Sprachgebrauch aus dem kommerziellen Versuchsreaktor Jülich ein Forschungsreaktor gemacht – wahrscheinlich in der Hoffnung, dass dies niemanden auffällt.
Oder es wird behauptet, dass die Option „Neubau eines Lagers in Jülich“ nach wie vor im Rennen sei, aber es wird kein Cent in die Planung gesteckt. Wohl aber arbeitet man auch daran, die 152 Castoren nach Ahaus zu schaffen, Dass die dortige Genehmigung im Jahr 2036 ausläuft und dass das Lager Ahaus – wie oben erwähnt – jeglichen modernen Sicherheitsanforderungen widerspricht, scheint dabei nur von untergeordneter Bedeutung zu sein. Hauptsache, man entledigt sich in Jülich des ungeliebten Atommüllerbes. Mehr: http://www.antiatom-buendnis-niederrhein.de/das-juelicher-atommuellproblem/

Autobahnaktionstag2012Derzeit deutet vieles auf einen Transport nach Ahaus hin. Da ist dann von „Sachzwängen“, „rechtlichen Vorschriften“ und „Sicherheitsmaßnahmen“ die Rede. Dass die Halle in Ahaus kaum besser und sogar älter als die Jülicher ist, spielt offenbar keine Rolle.
Was hat das mit Duisburg zu tun? Ein Blick auf eine Landkarte verrät, dass die Transportrouten nur über wenige Autobahnbrücken verlaufen werden. Und da kommt die Baerler Brücke der Autobahn 42 ins Spiel. Aber auch wenn die Transporte südlich von Düsseldorf den Rhein überqueren, verlaufen sie anschließend nach Norden. Duisburger Stadtgebiet wird auf jeden Fall betroffen sein.

Atomstandort Ahaus

Zwischenlager in Ahaus

Ahaus Zwischenlager / CC 3.0

Seit 1996 wird dort Atommüll jeglicher Couleur eingelagert: von schwach- über mittel- bis hochradioaktiv. Das Lager ist genau so wie die dort abgestellten Behältnisse bedenklich in die Jahre gekommen. Es entspricht in keinster Weise mehr dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung. Das Ahauser Lager wäre heute nicht einmal ansatzweise genehmigungsfähig. Es ist gegen Flugzeugabstürze selbst kleinerer Maschinen genau so wenig gewappnet wie gegen Terrorangriffe vom Boden aus. Da hilft es auch nicht, dass in jüngerer Zeit einige sogenannte „Ertüchtigungen“ vorgenommen werden sollen. Es bleibt eine Halle, die nur den Namen „unsichere Atommüllscheune“ verdient.

Auch bietet das Zwischenlager Ahaus keine Möglichkeiten, für die in die Jahre gekommenen Castoren ein Alterungsmanagement vorzuhalten, obwohl ein solches dringend absehbar ist. (Castoren sind auf 40 Jahre ausgelegt und haben teilweise dieses Alter fast erreicht. Eine Endlagerung wird selbst von atomfreundlichen Enthusiasten nicht vor 2080 erwartet … Bis dahin wird kein Castordeckel dicht halten können!). Eine Nachrüstung des Lagers in Ahaus ist aus technischen Gründen so gut wie unmöglich und aus rechtlichen Gründen ausgeschlossen.

Genehmigt ist das Zwischenlager Ahaus bis ins Jahr 2036. Die Genehmigung für die Lagerung der schwach- und mittelradioaktiven Abfälle läuft vorher zwar aus, aber es gibt Bestrebungen für eine Verlängerung der Lagerung schwach- und mittelaktiven Abfälle bis zum Jahr 2057. Da den Verantwortlichen ihre ganzen Entsorgungsphantasien inzwischen auf die Füße fallen und nicht funktionieren – wie von der Antiatombewegung seit Jahrzehnten vorausgesagt! – ist damit zu rechnen, dass entgegen aller technischen und rechtlichen Bedenken Ahaus das Atommüllklo der Republik bleiben soll. Denn wenn es eine Verlängerung der Genehmigung für die eine Art des Atommülls bis 2057 geben soll (schwach- und mittelaktiv), dann wird man das auch für die andere Art, dem hochradioaktiven Abfall, anstreben. Wir melden da schon mal unseren entschiedenen Widerstand an!

Urananreicherungsanlage der Firma Urenco in Gronau. Urheber: UAA Nee / CC BY-SA 2.0

Atomstandort Gronau

In Gronau wird Uran angereichert und damit ein weltweiter Kernbrennstoffkreislauf am Leben erhalten. Diese Urananreicherungsanlage, die einzige in Deutschland, ist vom Atomausstieg ausgenommen und produziert neben Atombrennstroff ,z. B. für uralte Reaktoren in Frankreich und Belgien, auch atomare Abfälle in unvorstellbaren Mengen. Diese werden teilweise unter freiem Himmel gelagert. Zudem gibt es zahlreiche Transporte von Uran in allen erdenklichen Verarbeitungsstufen in die Anlage und von dort weg.

Besonders kritisch ist Uranhexafluorid. Dieser Stoff reagiert mit Wasser zu hochgefährlicher Flusssäure. Das in der Umgebungsluft enthaltene Wasser reicht da völlig aus. Es finden jährlich zahlreiche Transporte auf der Straße oder auf der Schiene nach und aus Südfrankreich statt, die offensichtlich nie gesichert sind. Eine Freisetzung von Uranhexafluorid in die Umwelt hätte katastrophalste Folgen. Zudem finden regelmäßig Anlieferungen von Uran aus dem Hamburger Hafen statt. Auch diese Transporte sind nie gesichert.

Die Urananreicherungsanlage Gronau befindet sich in den Händen eines internationalen Konsortiums, sodass ein nur schwer durchschaubares wirtschaftliches und politisches Interessengeflecht die Arbeit der Antiatombewegung erschwert. So gesehen ist Gronau eines der „dicksten Bretter“, die wir zu bohren haben …