Die ‚Göttinger Achtzehn‘ – Vor 60 Jahren wurde die „Göttinger Erklärung“ veröffentlicht

9. August 1945, Explosion einer Atombombe in Nagasaki (AP Archiv)

9. August 1945, Explosion einer Atombombe in Nagasaki (AP Archiv)

Mit dem Beginn des Kalten Krieges begann das atomare Wettrüsten zwischen den beiden Supermächten und ihren Verbündeten. Am 12. April 1957 wandten sich daher Atomwissenschaftler mit der „Göttinger Erklärung“ an die Öffentlichkeit, um auf die Gefahren der atomaren Rüstung aufmerksam zu machen. Sie erklärten, keiner der Unterzeichner würde sich an der Herstellung oder Erprobung von Nuklearwaffen beteiligen.

Die Göttinger Achtzehn waren eine Gruppe von 18 hochangesehenen Atomforschern aus der Bundesrepublik Deutschland (darunter die Nobelpreisträger Otto Hahn, Max Born und Werner Heisenberg), die sich am 12. April 1957 in der gemeinsamen Göttinger Erklärung (auch Göttinger Manifest) gegen die damals namentlich von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß angestrebte Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen wandten. Die Atomforscher setzten sich ausdrücklich für die friedliche Verwendung der Atomenergie ein, denn sie waren führende Wissenschaftler der Kernforschung und Mitglieder von staatlichen Organisationen, die mit der Nutzung der Kerntechnologie beschäftigt waren; einige hatten auch schon während des Zweiten Weltkrieges im Uranprojekt (Uranverein) mitgewirkt und waren um 1956 Mitglied in der Deutschen Atomkommission.

Unmittelbarer Anlass war eine Äußerung Adenauers vor der Presse am 5. April 1957:
„Die taktischen atomaren Waffen sind im Grunde genommen nichts anderes, als eine Weiterentwicklung der Artillerie, und es ist ganz selbstverständlich, dass bei einer so starken Fortentwicklung der Waffentechnik wir nicht darauf verzichten können, dass unsere Truppen auch die neuesten Typen haben und die neueste Entwicklung mitmachen …“ .

Adenauer war empört über die Einmischung der Wissenschaftler in die Politik. Die Erklärung fand jedoch in der öffentlichen Meinung ein unerwartetes Echo, vor allem auch an den Universitäten, wo sich eine starke studentische Opposition daran anlehnte. Auf Grund dieses öffentlichen Druckes lenkte Adenauer schließlich ein und die Bundesrepublik Deutschland verzichtete auf Atomwaffen.

Es war durchaus ungewöhnlich, dass sich Wissenschaftler so offensichtlich in die Politik einmischten. Doch die Erklärung richtete sich vor allem gegen eine Äußerung Adenauers, der erklärt hatte, die atomaren Waffen seien nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie.

Die Unterzeichner der Erklärung gaben ihre Weigerung bekannt, sich weder an der Herstellung noch an der Erprobung von Atomwaffen beteiligen zu wollen:

Originaltext:
Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit tiefer Sorge. Einige von ihnen haben den zuständigen Bundesministern ihre Bedenken schon vor mehreren Monaten mitgeteilt. Heute ist eine Debatte über diese Frage allgemein geworden. Die Unterzeichnenden fühlen sich daher verpflichtet, öffentlich auf einige Tatsachen hinzuweisen, die alle Fachleute wissen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen.

1. Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung normaler Atombomben. Als „taktisch“ bezeichnet man sie, um auszudrücken, daß sie nicht nur gegen menschliche Siedlungen, sondern auch gegen Truppen im Erdkampf eingesetzt werden sollen. Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima zerstört hat. Da die taktischen Atomwaffen heute in großer Zahl vorhanden sind, würde ihre zerstörende Wirkung im ganzen sehr viel größer sein. Als „klein“ bezeichnet man diese Bomben nur im Vergleich zur Wirkung der inzwischen entwickelten „strategischen“ Bomben, vor allem der Wasserstoffbomben.

2. Für die Entwicklungsmöglichkeit der lebensausrottenden Wirkung der strategischen Atomwaffen ist keine natürliche Grenze bekannt. Heute kann eine taktische Atombombe eine kleinere Stadt zerstören, eine Wasserstoffbombe aber einen Landstrich von der Größe des Ruhrgebietes zeitweilig unbewohnbar machen. Durch Verbreitung von Radioaktivität könnte man mit Wasserstoffbomben die Bevölkerung der Bundesrepublik wahrscheinlich schon heute ausrotten. Wir kennen keine technische Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor dieser Gefahr sicher zu schützen.

Wir wissen, wie schwer es ist, aus diesen Tatsachen die politischen Konsequenzen zu ziehen. Uns als Nichtpolitikern wird man die Berechtigung dazu abstreiten wollen; unsere Tätigkeit, die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt und bei der wir viele junge Menschen unserem Gebiet zuführen, belädt uns aber mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen Fragen schweigen. Wir bekennen uns zur Freiheit, wie sie heute die westliche Welt gegen den Kommunismus vertritt. Wir leugnen nicht, daß die gegenseitige Angst vor den Wasserstoffbomben heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit in einem Teil der Welt leistet. Wir halten aber diese Art, den Frieden und die Freiheit zu sichern, auf die Dauer für unzuverlässig, und wir halten die Gefahr im Falle des Versagens für tödlich. Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichnenden bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen. Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.

Unterzeichnet von: Fritz Bopp, Max Born, Rudolf Fleischmann, Walther Gerlach, Otto Hahn, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max v. Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Josef Mattauch, Friedrich-Adolf Paneth, Wolfgang Paul, Wolfgang Riezler, Fritz Straßmann, Wilhelm Walcher, Carl Friedrich Frhr. v. Weizsäcker, Karl Wirtz.

Die Situation in der BRD in den 50er Jahren

Schon kurze Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren aus den Verbündeten der Anti-Hitler-Koalition erbitterte Gegner geworden, die in der ganzen Welt versuchten, Einfluss und neue Partner zu gewinnen: Die sowjetische Blockade Westberlins, der Koreakrieg oder die Suezkrise, stehen dabei exemplarisch für den Kalten Krieg zwischen Ost und West.

An der deutsch-deutschen Grenze standen sich die amerikanisch geführten Truppen der NATO und die Verbände des Warschauer Pakts unter sowjetischem Kommando gegenüber. Wäre es damals zu einer kriegerischen Auseinandersetzung der beiden Großmächte USA und UdSSR gekommen, hätte dieser Krieg an der Grenze zwischen der BRD und der DDR stattgefunden. So lautete die Option in Moskau und Washington.

Im Mai 1955 war die BRD Mitglied der NATO geworden, im November des selben Jahres begann der Aufbau der Bundeswehr. Allerdings war in den Pariser Verträgen festgeschrieben, dass die deutschen Soldaten nicht über Atomwaffen verfügen durften.

Im Sommer 1956 wurde bekannt, dass die USA im Rahmen einer neuen Militärdoktrin planten, ihre Truppen mit taktischen Atomwaffen auszurüsten. Gleichzeitig war beabsichtigt, die Truppenstärke der in der Bundesrepublik stationierten Verbände zu reduzieren.

Option einer atomaren Bewaffnung der BRDBundeskanzler Adenuaer und Verteidigungsminister Straß mit Militärs

Im Oktober 1956 übernahm Franz-Josef Strauß das Amt des Verteidigungsministers. Wie Bundeskanzler Adenauer zeigte sich auch Strauß entschlossen, die Atomwaffen in seine militärische Planung einzubeziehen. Denn beide befürchteten, dass die Bundesrepublik ohne diese Waffen eine leichte Beute der Sowjets werden könne. Als sowjetische Truppen in Ungarn einmarschierten, war das für die Bundesregierung ein erneuter Beweis der militärischen Bedrohung des Westens durch die östliche Supermacht.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde im Bundeskabinett mehrfach über die Folgen der amerikanischen Umrüstungspläne beraten. Im September 1956 vertrat Adenauer den Standpunkt, man werde sich „der Fortbildung der konventionellen Waffen bis zur Verwendung nuklearer Artillerie und nuklearer Handfeuerwaffen (…) nicht entziehen“ können.

Im Dezember 1956 schließlich forderte der Kanzler am Kabinettstisch nicht nur, „es sei (…) dringend erforderlich, dass die Bundesrepublik selbst taktische Atomwaffen besitze“, – er wünschte eine eigene Produktion dieser Waffen! Die Absichten der Amerikaner bereiteten ihm auch angesichts des stockenden Aufbaus der Bundeswehr große Sorge. Adenauer fürchtete, seinen Einfluss auf die Verbündeten zu verlieren. In dem bis 1980 als ‚geheime Verschlusssache‘ eingestuften Protokoll der Kabinettssitzung vom 19. Dezember 1956 ist zu lesen:
„Der Bundeskanzler bedauert den mangelnden Einfluss der Bundesrepublik in der NATO. Auch hier gelte der Machtfaktor. Wenn die Bundesrepublik jetzt schon eine Bundeswehr von 200.000 Mann hätte, würde die Bundesregierung auch ein stärkeres Mitspracherecht haben. Es müsse also gefordert werden, den Aufbau der Bundeswehr in Einklang mit den Verpflichtungen beschleunigt durchzuführen, eine Zusammenfassung Europas voranzutreiben und nukleare Waffen in der Bundesrepublik herzustellen.“

Im Gegensatz zu Adenauer, der sich mit entsprechenden öffentlichen Äußerungen zurückhielt, ließ Verteidigungsminister Strauß erst gar keine Zweifel an seiner Option der atomaren Ausrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen. Doch die Reaktion der Atomforscher entstand aus der Behauptung des Bundeskanzlers auf einer Pressekonferenz am 5. April 1957:
„Die taktischen atomaren Waffen sind im Grunde genommen nichts anderes, als eine Weiterentwicklung der Artillerie, und es ist ganz selbstverständlich, dass bei einer so starken Fortentwicklung der Waffentechnik wir nicht darauf verzichten können, dass unsere Truppen auch die neuesten Typen haben und die neueste Entwicklung mitmachen …“

Wir können es nicht verantworten, dass wir uns jetzt dazu hergeben sollen, selbst Atombomben zu machen, nachdem wir früher entrüstet waren, dass die Anderen es getan haben

Gegen diese Verharmlosung der Atomwaffen durch Adenauer bezogen die Wissenschaftler in der „Göttinger Erklärung“ dezidiert Stellung. Einleitend schrieben sie:
„Die Unterzeichneten fühlen sich (daher) verpflichtet, öffentlich auf einige Tatsachen hinzuweisen, die alle Fachleute wissen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen. …
Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung normaler Atombomben. Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima zerstört hat. Da die taktischen Atomwaffen heute in großer Zahl vorhanden sind, würde ihre zerstörende Wirkung im Ganzen sehr viel größer sein. Als ‚klein‘ bezeichnet man diese Bomben nur im Vergleich zur Wirkung der inzwischen entwickelten ‚strategischen‘ Bomben, vor allem der Wasserstoffbomben.“

Der tödlichen Wirkung dieser Waffen sei die Bevölkerung schutzlos ausgeliefert! – betonten die Wissenschaftler und gaben ein erschreckendes Beispiel:
„Heute kann eine taktische Atomwaffe eine kleinere Stadt zerstören, eine Wasserstoffbombe aber einen Landstrich von der Größe des Ruhrgebiets zeitweilig unbewohnbar machen. Durch Verbreitung von Radioaktivität könnte man mit Wasserstoffbomben die Bevölkerung der Bundesrepublik wahrscheinlich heute schon ausrotten. Wir kennen keine technische Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor dieser Gefahr sicher zu schützen.“

Auch deshalb erklärten die 18 Atomwissenschaftler, sie seien nicht bereit, sich an der Herstellung von Atomwaffen zu beteiligen. Vor allem bei Otto Hahn saß der Schock darüber besonders tief, dass die Amerikaner 1945 tatsächlich Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki geworfen hatten. Er machte sich sein Leben lang Vorwürfe darüber, dass erst durch seine Entdeckung der Kernspaltung ein Bau von Atombomben möglich geworden war. Wir können es nicht verantworten, sagte er 1955 in einem Interview,
„oder … ich persönlich nicht, dass wir uns jetzt dazu hergeben sollen, selbst Atombomben zu machen, nachdem wir früher entrüstet waren, dass die Anderen es getan haben.“

Die öffentliche Resonanz auf die Göttinger Erklärung war überwältigend und überwiegend zustimmend. Eine ganze Woche lang prägten der Text und die Wissenschaftler das Erscheinungsbild der überregionalen Tagespresse. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ beispielsweise schrieb von einem „ergreifenden Dokument“, weil der Abgrund, an dessen Rand die Welt stehe, mit nüchternen Worten und in seinem ganzen Schrecken aufgezeigt werde. Die „Süddeutsche Zeitung“ erhob den Text gar zum „Manifest“, weil er die lebensgefährliche Verharmlosung der Atomwaffen durch die westdeutsche Regierung „manifest“, eben: „offenkundig“ mache.

Gemeinsames Kommuniqué der Göttinger 18 und der Bundesregierung

Die ersten Stellungnahmen der Bundesregierung zur „Göttinger Erklärung“ waren schroff und zurechtweisend. Der Bundeskanzler fühlte sich auch persönlich angegriffen, zumal er von einigen der Unterzeichner regelmäßig in atomwissenschaftlichen Fragen beraten wurde. Besonders verärgert war er darüber, dass er vor der Veröffentlichung der Erklärung von niemandem um eine Aussprache gebeten worden war. Zwar habe er keine Zweifel an der wissenschaftlichen Kompetenz der Forscher, doch von Politik hätten die Herren keine Ahnung. Verteidigungsminister Strauß schlug in die gleiche Kerbe. Außerdem gefährde die Erklärung der Atomwissenschaftler die notwendige weltweite Abrüstung.

Der Atomkrieg war in den fünfziger Jahren eine reale Gefahr. Und im Herbst 1962 stand die Welt in der Kubakrise tatsächlich kurz vor dem Einsatz einer Atombombe. Die Menschen hatten Angst und die Erinnerung an den letzten Krieg war noch frisch. Angesichts des großen Zuspruchs, den die „Göttinger Erklärung“ vom 12. April 1957 in der Öffentlichkeit fand, musste die Bundesregierung ihren Konfrontationskurs aufgeben und zurückrudern.

Der Kanzler reagierte sofort und lud die Unterzeichner der „Göttinger Erklärung“ zum Gespräch. Schon am 17. April empfing er eine Abordnung der Atomwissenschaftler: die Professoren Walther Gerlach, Otto Hahn, Max von Laue, Wolfgang Riezler und Carl Friedrich von Weizsäcker. Unterstützung holte Adenauer sich in Person von Franz Josef Strauß und der Staatssekretäre Walter Hallstein, Hans Globke und Josef Rust. Den militärischen Part übernahmen die Bundeswehrgeneräle Hans Speidel und Adolf Heusinger. Sieben Stunden saßen der Kanzler und sein Stab mit den Wissenschaftlern zusammen. Im Anschluss daran wurde der Öffentlichkeit ein gemeinsames Kommuniqué vorgelegt. Von Vorwürfen der Bundesregierung an die Wissenschaftler war darin keine Rede mehr:

„Die Bundesregierung teilt die Besorgnisse, die in der genannten Erklärung zum Ausdruck kommen. Sie stimmt mit den Motiven und Zielen der Wissenschaftler überein und empfindet volles Verständnis für die Verantwortung, die die Atomwissenschaftler für die Entwicklung in einer Welt der Spannung zwischen Ost und West in sich fühlen.“

Die Wissenschaftler betonten noch einmal ihre Sorge vor der atomaren Rüstung:
„Die Atomforscher, die an der Besprechung teilgenommen haben, wünschen zum Ausdruck zu bringen, dass es nicht ihr Hauptziel war, nur die Bundesrepublik aus einem allgemeinen Verhängnis herauszuhalten, sondern sie wollten eine Initiative zur Abwehr dieses die Welt bedrohenden Verderbens ergreifen. Sie waren der Meinung, in dem Staate beginnen zu müssen, dessen Bürger sie sind.“

Und schließlich wurde in dem Kommuniqué klargestellt, „dass die Bundesrepublik nach wie vor keine eigenen Atomwaffen produzieren wird und dass die Bundesregierung demgemäß keine Veranlassung hat, an die deutschen Atomwissenschaftler wegen einer Beteiligung an der Entwicklung nuklearer Waffen heranzutreten.“

Die Presse druckte das Kommuniqué und berichtete ausführlich über das Treffen. Und damit war die Sache erledigt! An einer Fortsetzung ihres politischen Engagements waren die meisten der beteiligten Atomphysiker nicht mehr interessiert. Sie hatten ihre Bedenken vorgetragen und gingen nun wieder ihrer wissenschaftlichen Arbeit nach. Einige von ihnen standen sich schließlich auch gut mit der Bundesregierung und wollten diese auch weiterhin bei allen Fragen um die industrielle, die „friedliche“ Nutzung der Atomenergie beraten, da diese Forschung den westdeutschen Physikern Mitte der fünfziger Jahre zugestanden worden war.

Und das taten die Atomwissenschaftler dann auch. Adenauers Ansehen in der Öffentlichkeit war durch den Disput um die „Göttinger Erklärung“ nicht dauerhaft beschädigt worden. In der westdeutschen Bevölkerung war offensichtlich die Angst vor dem Kommunismus größer als die vor der Atombombe. Bei der Bundestagswahl im Herbst 1957 fuhr Adenauer als Spitzenkandidat seiner Partei einen glänzenden Wahlsieg ein.

Mit 50,2 Prozent der Stimmen übertrafen CDU und CSU noch ihr Ergebnis aus der Wahl des Jahres 1953. Mit dieser absoluten Mehrheit im Rücken setzte das neue Kabinett Adenauer die Politik zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr fort. Dagegen ergriff nun auch die Opposition im Parlament die Initiative und rief im März 1958 die Kampagne Plakat vom 1957 'Keine Experimente - Keine Atomrüstung'„Kampf dem Atomtod“ ins Leben. Obwohl sich diese Bewegung mit gewerkschaftlicher und prominenter außerparlamentarischer Unterstützung schnell im Land ausbreitete, kam sie für die Abstimmung im Bundestag am Ende des Monats zu spät. Nach sechstägiger Debatte verabschiedete die Mehrheit der Regierungskoalition einen Entschließungsantrag der Unionsparteien. Er schuf die Voraussetzungen zur Ausrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen unter NATO-Befehl. Das ursprüngliche Begehren von Adenauer und Strauß jedoch, Atomwaffen in deutsche Hand zu bekommen, war damit aber nicht erreicht!

Allerdings fand dieser Protest gegen die atomare Bewaffnung in Westdeutschland nun weitgehend ohne die Unterzeichner der „Göttinger Erklärung“ statt. Nur Max Born unterschrieb den „Aufruf des Arbeitsausschusses ‚Kampf dem Atomtod‘“ vom 10. März 1958. Und Carl Friedrich von Weizsäcker wurde nie müde, in Vorträgen und Publikationen vor der Atomwaffe zu warnen.

Diese Passivität der 18 Atomwissenschaftler als Gruppe in der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ schmälert aber den Stellenwert der Göttinger Erklärung nicht. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob und was sich bei einem erneuten Engagement der achtzehn Atomwissenschaftler möglicherweise anders entwickelt hätte. Ihr Schritt vom 12. April 1957 hat sicherlich mit dazu beigetragen, dass die BRD zu keiner Zeit Atomwaffen selber hergestellt oder im Ausland erworben hat. Und möglicherweise ist die „Göttinger Erklärung“ auch ein Grund dafür, dass die Bundesrepublik bis heute keine Atommacht ist.

(Quellen: Wikipedia, DeutschlandRadio Kultur, AG Friedensforschung)

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