Fukushima mahnt – zum 3. Jahrestag der Katastrophe

Der 11. März 2011

14:46:23 Uhr: Ein Erbeben der Stärke 9,0 auf der Richterskala erschüttert den Meeresboden vor der japanischen Küste. Es ist das stärkste jemals gemessene Erbeben in der Region.

14:46:46 Uhr: Die ersten Schockwellen erreichen das Kraftwerksgelände und lösen dort eine Schnellabschaltung der Reaktoren 1 bis 3 aus. Die Reaktoren 4 bis 6 sind wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb.

14:47 bis 14:48 Uhr: Die Reaktorblöcke 2, 3 und 5 erfahren durch das Erdbeben eine Überschreitung der Belastungsgrenze. Erste Schäden treten auf.

15:27 Uhr: Die erste von mehreren Tsunamiwellen trifft auf die Küste bei Fukushima. Die für die Kühlung notwendigen Meerwasserpumpen werden zerstört. Damit fällt die reguläre Kühlung aller Reaktoren sowie die gesamte Kühlung der Abklingbecken aus. In den nächsten Minuten treffen weitere Tsunamiwellen auf die Küste – teilweise bis zu 15 Meter hoch – und überfluten die Reaktorgebäude. Die Stromversorgung fällt aus. Auch die Notstromaggregate werden überflutet.

Nach weiteren 14 Minuten ist um 15:41 Uhr auch der letzte Notstromgenerator ausgefallen, es kommt zum Black-Out. Per Notstrombatterien werden noch dampfbetriebene Notfall-Kühlwasserpumpen notdürftig am Laufen gehalten. Diese Notkühlsysteme sind eigentlich nur für die Überbrückung kurzer Stromausfälle gedacht. Nachdem diese auch noch ausfallen, besteht keine Möglichkeit mehr, die Reaktoren zu kühlen. Die Brennstäbe in den Reaktoren beginnen, sich allmählich zu überhitzen.

Innerhalb von nur 55 Minuten ist die Situation völlig entglitten.

Knapp 24 Stunden später kommt es im Reaktorgebäude 1 zu einer Explosion. Das Dach des Gebäudes wird zerstört, eine Rauch- und Staubwolke breitet sich aus; Radioaktivität wird in großem Umfang freigesetzt. Weitere zwei Tage später explodiert auch der Reaktorblock 3 und die Befürchtung, dass es in den zerstörten Reaktoren zur Kernschmelze und damit zum Super-GAU gekommen ist, bestätigt sich.

 Fukushima ist nach Tschernobyl zu einer der größten Atom-Katastrophen in der Geschichte der Menschheit geworden. Das Erdbeben, der anschließende Tsunami und die Atomkatastrophe kosten Zehntausenden von Menschen das Leben. Japan sieht sich der größten Katastrophe seit 66 Jahren gegenüber. Und abermals wird das Land unter den Folgen der atomaren Hinterlassenschaften zu leiden haben – auf Jahrzehnte.

Die beschriebenen Abläufe sind leider nur der Anfang einer langen Kette von Ereignissen, die bis heute anhält. Das Krisenmanagement ist vollkommen unzulänglich und die ökologischen Schäden immens. Noch immer sind ganze Landstriche verstrahlt, noch immer tritt Radioaktivität aus. Noch immer sind die Ruinen der Reaktorgebäude unzugänglich, noch immer besteht die Gefahr einer noch größeren Kontamination. Niemand hat die Lage wirklich im Griff! Selbst heute nicht, drei Jahre später.

Und erst heute, drei Jahre nach der Katastrophe, wird allmählich klar, dass die gesundheitlichen Schäden erst im Laufe der Zeit zu Buche schlagen. Die Katastrophe nimmt kein Ende. Die Zahl der Schilddrüsenauffälligkeiten bei Kindern, die als Vorstufe zum Schilddrüsenkrebs gelten, ist inzwischen auf das 13-fache angestiegen.

Fukushima mahnt, dass das atomare Feuer nicht beherrschbar ist. Fukushima mahnt, dass der Mensch den Folgen eines Unfalls nicht gewachsen ist. Selbst eine technisch so hoch entwickelte Nation wie Japan hat dies in drei Jahren nicht in den Griff bekommen.

Und Fukushima hat auch etwas anderes gezeigt: In der Folge der Katastrophe wurden sämtliche Atomkraftwerke in Japan vom Netz genommen. Zum gefürchteten Black-Out ist es nicht gekommen. Es gibt Alternativen zur Atomkraft. Deshalb gilt es, aus dieser Technologie auszusteigen: Jetzt, sofort und weltweit.

Die Versuche, uns weiterhin diesen Risiken auszusetzen und dies mit ansonsten steigenden Strompreisen zu begründen, lässt das Leid außer acht, welches entsteht, wenn das sogenannte Restrisiko zuschlägt. Dieses Leid ist mit Geld ebenso wenig zu bezahlen wie die ökologischen und ökonomischen Folgekosten. Ethische, ökologische und ökonomische Verantwortung bedeutet eine sofortige Abkehr von der Atomkraft.

Fukushima ist zwar weit entfernt vom Niederrhein, aber auch hier kann das Restrisiko jederzeit zuschlagen: der nächstgelegene Atommeiler steht im belgischen Tihange. Der ist seit nahezu 40 Jahren in Betrieb und gilt als hochgradig gefährdet. Der Reaktorblock weist über 2000 Haarrisse auf. Diese machen den Atommeiler zur tickenden Zeitbombe. Tihange liegt ca. 160 km Luftlinie von hier. Bei vorherrschenden Südwestwinden wird die radioaktive Wolke uns in 5 – 6 Stunden erreicht haben.

Im Jülich haben wir es mit den Altlasten eines stillgelegten Versuchsreaktors zu tun. Zudem lagern dort 152 Castorbehälter mit hochradioaktiven Abfällen, die zudem in der jetzigen Form brennbar sind. Jülich liegt 60 – 70 km Luftlinie von hier.

In Gronau wird Uran im großen Stil angereichert und für den weltweiten Einsatz in Atomkraftwerken vorbereitet. Die bei dieser Anreicherung anfallenden Abfälle, Hunderte Tonnen hochgiftiges und radioaktives Uranhexafluorid, werden mit Güterzügen quasi vor unserer Haustür vorbei transportiert.

Das atomare Risiko geht nicht nur von Atomkraftwerken aus, sondern gleichermaßenvon der Herstellung der Brennelemente und von unzähligen Transporten der Abfälle., Ohnehin weiß niemand, wo die einmal auf Hunderttausende Jahre sicher von der Umwelt abgeschirmt werden können. Diesen atomaren Risiken sind wir hier vor Ort ausgesetzt. Jeden Tag und ganz konkret.

Fukushima mahnt, damit Schluss zu machen. In Japan und überall sonst in der Welt. Es gibt keine Region, die vor diesen Risiken sicher ist. Schütz uns und nicht die Atomkraft.

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