GNS – Die Atomfabrik mitten in Duisburg

Aktueller Stand bei der GNS in Duisburg (November 2017)

Die GNS Gesellschaft für Nuklearservice) betreibt in Duisburg eine Anlage zur Verarbeitung von schwach- und mittelradioaktivem Atommüll. Die Anlage befindet sich mitten in Wanheim-Angerhausen auf der Richard-Seiffert-Straße in unmittelbarer Nähe zu Wohnbebauung. Die Gleiszufahrt sowie die Straßenanbindung verlaufen ebenfalls durch dicht besiedeltes Gebiet. cropped-cropped-GNS-Zeichnung1.jpg

Nach derzeitiger Genehmigungslage dürfen in Duisburg 3.300 Tonnen Atommüll gelagert und verarbeitet werden. Durch An- und Ablieferung kommt im Laufe der Zeit ein Vielfaches zusammen. Uns liegen Zahlen von mehreren Dutzend Transporten und Transportmengen im Bereich von mehreren Hundert Tonnen pro Jahr vor.

[2014 waren 73 Transporte bei denen etwas mehr als 956 Tonnen Atommüll transportiert wurden. 2015 waren es mehr als 130 Transporte mit mehr als 630 Tonnen Fracht. Quelle: Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Hans-Jörg Rohwedder, Piratenpartei im Landtag NRW].

Keiner dieser Transporte wird vorher angekündigt und die Zivilschutzbehörden sind nicht ausreichend informiert.
Zudem dürfen weitere 1.500 Tonnen sogenannter „freigemessener“ Materialien auf dem Werksgelände gelagert werden – hier spricht man auch von „zerfallsoptimierter Lagerung“. Im Klartext heißt dies, dass man strahlenden Müll einfach erst mal liegen lässt und zusieht, wie die Strahlungsintensität langsam nachlässt.

Mehr als 30 Jahre: Duisburg ist Atomstadt

Im Mai 1985 bekam die GNS die Genehmigung für die „Lagerung“ von 500 Tonnen radioaktiv verseuchtem Schrott. Dies führte bereits zu ersten Protesten mit dem Ziel der Schließung der Anlage. Anfang 1987 agierte ein breites Bündnis aus Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und evangelischer Kirche. Es kam zu massiven Protesten, Großdemonstrationen, Unterschriftenaktionen, öffentlichen Ausschusssitzungen u.v.m. Dies führte zwar dazu, dass die Auflagen für die GNS erheblich verschärft wurden, die Stilllegung jedoch wurde nicht erreicht.

Im Zuge des Transnuklear-Skandals rund um illegale Entsorgung von hochradioaktiven Abfällen, der 1988 bundesweit für Aufsehen sorgte, wurden dem Betreiberkonsortium seitens der damaligen Bundesregierung weitere Kompetenzen bei der Entsorgung von Atommüll zugesprochen. In der Folge konnte sich die Anlage in Duisburg mehr und mehr etablieren. Danach wurde es um den Widerstand gegen die Anlage relativ ruhig, Erst seit 2012 wurden die Proteste wieder lauter. Verschiedene lokal agierende Antiatom-Initiativen, Organisationen und Umweltverbände haben sich zum AntiAtom-Bündnis Niederrhein zusammengeschlossen. Dessen vorrangiges Ziel ist die Schließung der GNS in Duisburg und die Verhinderung weiterer Atomtransporte.

Im Dezember 2013 überraschte dann die Entscheidung, die Anlage mit Auslaufen der derzeit (befristeten) Betriebsgenehmigung im Jahre 2022 stillzulegen. Nur wenige Monate später hieß es dann, dass die Anlage „im Jahr 2019 geschlossen wird“. Die GNS führt offiziell wirtschaftliche Gründe an. Diese Schließungsabsicht wurde inzwischen mehrfach bestätigt – auch nach wesentlichen Weichenstellungen der Bundesregierung zum weiteren Umgang mit Atommüll. Hierzu zählt vor allem die Entscheidung, dass die Verantwortung für Entsorgung des Atommülls von den Betreibern der Atomanlagen auf die öffentliche Hand übergeht.

Unbeschadet dessen ist die Restlaufzeit der Konditionierung in Duisburg unakzeptabel. Weitere Strahlenexposition und weitere Atommülltransporte durch dicht besiedelte Regionen stellen ein nicht hinnehmbares Risiko dar.

Was passiert hier eigentlich?

In Duisburg wird schwach- und mittelradioaktiver Atommüll aus ganz Deutschland zur Vorbereitung auf die Endlagerung konditioniert. Das bedeutet, dass der Müll in seinem Volumen verkleinert (geschreddert, gepresst usw.) und in Fässer verpackt wird. Die Materialien, um die es sich dabei handelt, reichen von Arbeitsschutzkleidung über verstrahlte Werkzeuge bis hin zu Bauteilen aus Atomkraftwerken – angefangen bei ausgediente Rohrelementen über Betonteile, Türen, Geländer und allem, was sonst noch der radioaktiven Grundstrahlung im Inneren eines Atomkraftwerkes ausgesetzt ist.

atommuellfass3

Teilweise werden auch in die Jahre gekommene Atommüllfässer in Duisburg nachbehandelt – die völlig desolate Situation, dass man eben nicht weiß, wohin mit dem Müll, macht es immer wieder erforderlich, alte Fässer zu reparieren (oder gleich ganz in neue zu stopfen …)

Und da es ein Endlager eben nicht gibt, werden die befüllten Fässer erst einmal zwischengelagert, z. B. in Ahaus. Bis es dazu kommt, bleiben die Fässer erst einmal in Duisburg – bis zu 4 Jahre. Auch wenn die Anlage der GNS kein Zwischenlager im atomrechtlichen Sinne ist, wird der Atommüll in Duisburg faktisch für diese Zeiträume gelagert.

Ein anderer Teil des Atommülls wird – wie es heißt – „freigemessen“. Hierzu wird ein Teil des radioaktiven Materials abgetrennt. Z. B. werden stärker belastete Kunststoffummantelungen von Elektrokabeln vom Kupferkern getrennt und wie oben beschrieben in Fässer gepackt. Die Belastung des übrig bleibenden Kupfers liegt dabei unterhalb eines willkürlich festgelegten Grenzwertes, damit kann das Kupfer in die gängigen Recyclingkreisläufe gehen. Gleiches gilt für alle Metalle und für mineralische Abfälle. Diese landen dann in der Regel auf Deponien.

Freigemessene Stoffe beinhalten aber nach wie vor eine Reststrahlung und bleiben damit Atommüll! Nur gelten für diese Art des Atommülls nicht mehr die Bestimmungen des Atomrechts, sondern die Bestimmungen des Abfallrechts. „Frei“ heißt hier also „frei vom Atomrecht“ und nicht „frei von Radioaktivität“.

Mit anderen Worten: Hier findet Entsorgung von Atommüll unterhalb des Radars der Atomaufsicht statt!
Diese Möglichkeit wurde ausdrücklich geschaffen, um die Entsorgungskosten für die Verantwortlichen gering zu halten. Übrigens: In Frankreich, Europas Atomland Nummer Eins, wäre dies völlig undenkbar. Dort bleibt Atommüll so lange Atommüll, wie dieser strahlt.
Klingt böse und ist es auch: „Nicht der Staat beobachtet den Atommüll, sondern Atommüll ist nur das, was der Staat beobachtet.“

Was ist daran zu kritisieren?

Jede radioaktive Strahlung, selbst in noch so geringer Intensität, ist schädlich für Mensch und Umwelt. Die Anlage in Duisburg setzt Strahlung frei und auch die freigemessenen Stoffe strahlen weiter. Die Betreiber allerdings beschwichtigen: Sie verweisen auf Sicherheitseinrichtungen (z. B. Hochleistungsfilter), die verhindern sollen, dass Radioaktivität in die Umwelt entweicht. So sei „seit Inbetriebnahme der Anlage keine Überschreitung des Grenzwertes am äußeren Zaun (!) des Werksgeländes“ gemessen worden.
Wann genau entsprechende Messungen vorgenommen werden, welche aktuellen Umwelt- und Wettereinflüsse eine Rolle gespielt haben, inwiefern Messungen wirklich unabhängig durchgeführt worden sind, ist jedenfalls nicht bekannt.

Und besonders wichtig: Grenzwerte gaukeln nur eine Sicherheit vor, die es bei Atommüll nicht gibt! Die Belege, dass auch Niedrigstrahlung für den Menschen wesentlich riskanter ist als bisher angenommen, mehren sich. Damit ist auch das Freimessen als Entsorgungsmethode völlig unakzeptabel.

in Duisburg 03

Ein weiteres Risiko geht von den Transporten aus. Unfälle im Straßen- und Bahnverkehr sind Alltag. Sollte hiervon ein Atommüll-Transport von/nach Duisburg betroffen sein, entsteht möglicherweise in dicht besiedeltem Gebiet eine nicht mehr beherrschbare Situation.
Die Transportrouten verlaufen quer durch Duisburg, vorbei an Wohnhäusern, Kindergärten, Schulen, Supermärkten usw.
Wann transportiert wird, wissen nur die Genehmigungsbehörden. Weder die Öffentlichkeit noch der Zivilschutz (z. B. Feuerwehr) erfahren hiervon. Kommt es zu einem Unfall, kann die Feuerwehr nicht unmittelbar darauf reagieren! Hier wird Sicherheit für Mensch und Umwelt zugunsten von Profitinteressen der GNS zurückgestellt.

Welche Bedeutung hat die GNS im deutschen Atomkarussel?

Die GNS ist ein Gemeinschaftsunternehmen der großen vier Energiekonzerne E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall. Zu ihren Tätigkeiten zählen neben der Verpackung / Freimessung von Atommüll auch Stilllegung und Rückbau kerntechnischer Anlagen und der Bau von Atommüllbehältern (Castoren). Von den überaus teuren Entsorgungskosten des Atommülls – sowohl des hochradioaktiven als auch des schwach-/mittelradioaktiven – haben sich die Konzerne im April 2017 durch Zahlung von ca. 24. Mrd. Euro freigekauft. Die Entsorgung liegt zukünftig in der Verantwortung des Bundes, also des Steuerzahlers. Damit ist auch die GNS als Tochtergesellschaft der Energiekonzerne, deren bekanntester Standort Gorleben sein dürfte, zukünftig raus aus der Frage der Endlagerung.
Trotzdem bleibt für die GNS in der Entsorgung von Atommüll eine Monopolstellung, denn Verpackung/Freimessung bleibt ihr Geschäftsmodell.

Die nach wie vor ungeklärte Entsorgungsfrage für schwach-/mittelradioaktive Abfälle führt dazu, dass dieser hierzulande regelrecht verschoben wird. Während hochradioaktive Abfälle bis auf Weiteres in den Atomkraftwerken verbleiben sollen, wird der schwach-/mittelradioaktive Atommüll – immerhin 95 Volumenprozent aller radioaktiver Abfälle – seit Jahrzehnten auf eine Reise ohne Ziel geschickt. Zwischenstation ist dabei oft auch Duisburg – z. T. für mehrere Jahre. Danach geht es auf die Weiterreise. Mangels Endlager wird sich daran nichts ändern. Und so lange die GNS in Duisburg ihre Anlage betreibt, bleibt diese auch ein wichtiges Glied bei diesen Atommüll-Spazierfahrten – unzählige riskante Transporte inklusive!

atommuellfass3

Auch wenn es heißt, dass die Anlage in Duisburg im Jahr 2019 geschlossen und bis dahin alles demontiert werden soll, werden wir für Duisburg erst dann Entwarnung geben können, wenn tatsächlich die letzte Müllpresse verschwunden und das letzte Atommüllfass verladen ist.

Damit aber wird das Entsorgungsproblem für den Atommüll nicht gelöst sein! Es werden vielmehr durch Weiterbetrieb der Kernkraftwerke bis 2022 und den anschließenden Abriss in den nächsten Jahrzehnten enorme Mengen an schwach-/mittelradioaktivem Atommüll anfallen. Selbst wenn die nicht mehr nach Duisburg kommt, dann wird eine andere Region diesen Risiken ausgesetzt sein. Derzeit sieht es danach aus, dass es das nordrhein-westfälische Jülich treffen wird. Aber auch hier werden wir uns nicht zurücklehnen, denn das, was Duisburg seit mehr als 30 Jahren ertragen muss, darf auch Jülich nicht zugemutet werden.
Es kann nur einen Weg geben: Atommüll verhindern, indem wir konsequent alle Atomanlagen schließen. Deshalb:

Schluss mit diesem Irrsinn! Stilllegung aller Atomanlagen WELTWEIT. Stilllegung der GNS in Duisburg – SOFORT!