Kein Schicksalsschlag aus heiterem Himmel – Die Katastrophe von Tschernobyl

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Am 26. April 2014 jährt sich die Tschernobyl-Katastrophe zum 28. Mal. Die Auswirkungen dieses Atomunfalls sind noch immer – nicht nur in der Ukraine – gravierend. So weisen z. B. Pilze sowie Wildfleisch auch in Deutschland nach wie vor teilweise sehr hohe Cäsium-Werte auf. Und die Leukämierate von Kindern in Weißrussland hat sich signifikant erhöht.

Vladimir Kuznetsov, Professor an der Arkhangelsk Universität in Russland, berichtete im März 2014 im dt. Bundestag über gravierende Sicherheitslücken in russischen und ukrainischen Atomkraftwerken sowie die mangelhafte Qualifikation des Personals. Und die aktuelle angespannte politische Situation in der Ukraine trägt auch nicht gerade zur Beruhigung bei.

Die Katastrophe von Tschernobyl

Dem GAU von Tschernobyl am 26. April 1986 ging eine Reihe von Atomunfällen voraus, die eine Warnung hätten sein müssen. 1957 hatte sich der erste Super-GAU in der russischen Plutoniumfabrik Majak ereignet, bei dem nach einer Explosion weite Teile der Umgebung radioaktiv verstrahlt wurden. Dieser Atomunfall wurde in der Folge so konsequent verheimlicht, dass seine Folgen erst sehr viel später bekannt wurden. Beim Atomunfall von Windscale 1957 und bei der Kernschmelze 1979 in Harrisburg/ Three Mile Island schrammte die Welt nur knapp an atomaren Katastrophen vorbei.

Dass die friedliche Nutzung der Atomenergie zu Katastrophen mit unkontrollierbaren Kettenreaktionen und Explosionen führen kann, war also in der ganzen Welt bereits seit Jahrzehnten bekannt, wurde aber entweder totgeschwiegen oder aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängt. Und auch vor der Gefährlichkeit der Tschernobyl-Reaktoren war bereits Jahre vorher gewarnt worden. Sowjetische Atomexperten haben lange vor der Katastrophe vor den in Tschernobyl eingesetzten Nuklearreaktoren gewarnt. So hatte es bereits 1982 im AKW Tschernobyl und davor schon 1975 im AKW Leningrad bei Sankt Petersburg ähnliche Zwischenfälle gegeben, die glücklicherweise aber nicht in Katastrophen endeten.

In den direkt betroffenen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion (Russland, Ukraine und Weißrussland) hat man aus der Katastrophe ansonsten jedoch nichts gelernt. Bis heute werden Reaktoren vom Typ Tschernobyl betrieben. Darüber hinaus werden neue Atomkraftwerke gebaut und exportiert.
Die Neubaupläne in Tschernobyl wurden erst in den 1990er Jahren aufgegeben und die Reaktoren 1 bis 3 abgeschaltet. Der letzte Reaktor des AKW Tschernobyl wurde allerdings erst im Dezember 2000, also fast 15 Jahre nach der Katastrophe, durch den ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma vom Netz genommen, und das nur aufgrund internationalen Drucks. Und erst im September 2013 wurden die letzten von 1.333 intakten Brennelementen aus den Reaktoren 1 bis 3 entfernt und in ein Nasslager transportiert. In den Reaktoren 1 und 2 befinden sich immer noch beschädigte Brennelemente. Ab 2015 sollen alle Brennelemente in ein Langzeit-Trockenzwischenlager gebracht werden. Danach kann mit dem Rückbau der Reaktoren begonnen werden.

Noch immer versuchen die offiziellen Stellen, die Folgen von Tschernobyl herunterzuspielen. Eine neue Studie hat nun aber gezeigt, dass sich im Zeitraum zwischen 1987 und 1995 die Leukämierate bei Kindern in Weißrussland, das in Teilen extrem vom Tschernobyl-Fallout betroffen war, signifikant erhöht hat. Bisher wurde eine auffällige Erhöhung in offiziellen Berichten immer geleugnet.

Wladimir Kuznetsov, Direktor des Nuklear- und Strahlungssicherheits-Programms von Green Cross Russland und Professor an der Arkhangelsk Universität in Russland, wies 2013 im Deutschen Bundestag auf Probleme mit der Stabilisierung des bereits vorhandenen Sarkophags und bei der Errichtung eines neuen sicheren Einschlusses hin und forderte eine Überwachung durch das Ausland. Im März 2014 sagte er im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit des Bundestages, die Havarie des AKW habe alle Schwachstellen der Atomenergienutzung in der damaligen Sowjetunion ans Licht gebracht. Diese seien aber auch heute nicht beseitigt.

Ausgangspunkt der Katastrophe war ein geplantes Experiment

AKW Tschernobyl 2007, links das Denkmal, rechts der Sarkophag (Quelle: atomkraftwerkeplag)

AKW Tschernobyl 2007, links das Denkmal, rechts der Sarkophag (Quelle: atomkraftwerkeplag)

Es sollte ein vollständiger Stromausfall simuliert werden, um nachzuweisen, dass die Rotationsenergie der Turbinen ausreichen würde, um die kurze Zeit bis zum Anspringen der Notstromaggregate zu überbrücken. Damit begann die Mischung aus menschlichem Versagen, Unkenntnis, Materialschwächen und Sicherheitsmängeln:

 

25. April 1986: Der Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl, ein Siedewasser-Druckröhrenreaktor, wird zurückgefahren. Um das Experiment starten zu können, führt das Personal entgegen aller Betriebsvorschriften eine Fehlschaltung nach der anderen durch (Abschaltung des Notkühlsystems, Herunterfahren auf die Minimalleistung, Deaktivierung der Schnellabschaltung, Schließen der Sicherheitsventile der Turbinengeneratoren). Daraufhin verringert sich der Wasserzufluss im Reaktor schlagartig, wodurch die Temperatur extrem ansteigt und die Leistung des Reaktors abrupt hochschießt. Eine unkontrollierte Kettenreaktion setzt ein.

26. April 1986: Die Leistung des Reaktors steigt um das Hundertfache an, die Druckröhren bersten, Kühlwasser tritt aus. Bei einer Temperatur von über 2000 Grad Celsius schmelzen die Brennelemente. Auf Grund zweier großer Wasserstoffexplosionen im Reaktor wird die Abdeckplatte und das Dach abgesprengt. Radioaktives Material wird in die Atmosphäre geschleudert, und mit dem Wind in Richtung Baltikum und Skandinavien, später auch nach Mitteleuropa geweht.

27. April 1986: Erst einen Tag später wird die Evakuierung der nahe gelegenen Stadt Pripjat eingeleitet. Armeehubschrauber werfen Sand und Lehm über dem offenen Reaktor ab, um so die Brände zu ersticken und den Ausstoß radioaktiven Materials zu stoppen. Um für den Abwurf zielen zu können, öffnen die Besatzungen über dem offenen Reaktorkern die Helikoptertüren. Ihren Einsatz bezahlten die Soldaten mit stärksten, häufig tödlichen Strahlenschäden. Man wird sie später, wie alle Aufräumarbeiter und Helfer, „Liquidatoren“ nennen.

28. April 1986: In Schweden wird erhöhte Radioaktivität gemessen.

30. April 1986: In Mitteleuropa wird ebenfalls erhöhte Radioaktivität gemessen (in einigen polnischen Orten 500fach überhöhte Strahlungswerte).

4. Mai 1986: Erst 10 Tage nach dem GAU wird die Evakuierung der 30-Meilen-Zone um den Reaktor eingeleitet. Der Reaktor brennt noch immer. Man versucht durch Untertunnelung ein Durchschmelzen zum Boden zu verhindern, freiwillige Helfer entfernen Trümmer vom Dach des benachbarten Blocks 3.

14. Mai 1986: Präsident Gorbatschow nimmt erstmals öffentlich Stellung zur Katastrophe.

19. Juli 1986: Von der sowjetischen Führung wird das Personal für die Katastrophe verantwortlich gemacht. Dass Sicherheitsmängel und mangelhafte Baumaterialien mit dazu beigetragen hatten, wird dagegen verschwiegen.

Sommer 1986: Errichtung eines „Sarkophags“ aus Beton um das Reaktorgebäude. Die Arbeiten daran werden am 15. November abgeschlossen.

 

Folgen der Tschernobyl-Katastrophe

Die Gesamtzahl der direkt durch die Katastrophe verursachten Todesfälle soll laut UN bei 4.000 liegen. Diese niedrigen Zahlen dürften nicht der Realität entsprechen. Die Ärzteorganisation IPPNW wirft der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO, wichtigste internationale Lobbyorganisation für Atomkraft) und der WHO, die durch ein Abkommen von 1959 an die IAEO gebunden ist, vor, kritische Informationen über Gesundheitsfolgen in ihren Berichten systematisch zu unterdrücken. Stattdessen würden verharmlosende Berichte veröffentlicht, die von lediglich 50 Toten und 4.000 zu erwartenden zusätzlichen Krebs- und Leukämietoten ausgehen. Dagegen geht der russische Biologie Alexej Jablokow von über 100.000 Toten bei den Liquidatoren und insgesamt von bis zu 1,8 Mio. künftigen Toten aus.

Nach der Katastrophe wurden über 700.000 Liquidatoren eingesetzt, um die nach dem GAU verstrahlten Gebiete zu dekontaminieren. In der ersten Arbeitswoche erhielten sie keine Schutzkleidung und wurden sechs Tage lang durchgehend der hohen radioaktiven Strahlung ausgesetzt. Ihre Frage, wie hoch die Strahlung war, ist bis heute nicht beantwortet worden. Die Liquidatoren erhielten zwar von der Ukraine Auszeichnungen, aber nur geringe finanzielle Unterstützung. Von den ersten 700 Liquidatoren leben nur noch 91, die sterbenskrank sind auf ihren Tod warten.

 Aktuelle Situation in Tschernobyl

Im Laufe der Jahre wurde die erste Schutzhülle, die um den explodierten Reaktor errichtet wurde, immer brüchiger. 2010 warnten Experten vor einem Einbruch und vor der Gefahr, dass Wasser in die Ruine eindringen könnte. Im Inneren des Meilers hat sich ein gefährliches Gemisch aus Asche und Lava angesammelt, das hochradioaktiv verstrahlt ist. Käme es in Kontakt mit Wasser, hätte das kaum kontrollierbare Folgen, das Grundwasser würde wahrscheinlich radioaktiv belastet werden.

2011 erhielt die Ukraine 670 Mio. Euro für einen neuen, besseren Schutzmantel aus Stahl, mit dessen Bau bald danach begonnen wurde. Bis November 2012 waren 5.000 Tonnen von insgesamt 29.000 Tonnen Stahl verbaut, die Zahl der Todesopfer war weiterhin ungeklärt. Die Antworten reichen je nach Annahmen von „weniger als 50“ bis zu 60.000 in der Region und sogar 1,44 Millionen weltweit. Meist wird von 10.000 bis 100.000 Toten ausgegangen.

Ein Betreten der direkten Umgebung des Reaktors ist auch heutzutage nur unter strengen Auflagen möglich: Besucher dürfen sich nach einer genauen Unterweisung maximal fünf Tage und nie ohne Begleitung in der verstrahlten „Todeszone“ aufhalten.

Auch 2013 ist die Lage keineswegs unter Kontrolle. Im Februar stürzten in nur 70 Meter Entfernung vom Sarkophag das Dach einer Maschinenhalle und eine Mauer teilweise ein. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sprach von einem beunruhigenden Signal.

Quellen:
http://de.atomkraftwerkeplag.wikia.com/wiki/Die_Tschernobyl-Katastrophe http://www.bundestag.de/presse/hib/2014_03/2014_143/03.html http://www.umweltinstitut.org/presse/presse-details/aspresse/129/tschernobyl-jahrestag-neue-untersuchung-belegt-anstieg-von-leukaemie-in-weissrussland.html

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