Streckenaktionstag Ahaus – Duisburg – Jülich, 21. Mai 2016

Wir haben uns heute gemeinsam mit unseren Freunden aus Ahaus und Jülich die Mühe gemacht, mal in Augenschein zu nehmen, was da auf uns zurollt. Wir haben möglichen Transportstrecken inspiziert. In Ermangelung einer Lokomotive und eines Zuges mussten wir uns darauf beschränken, mögliche Transportrouten über die Straße abzufahren, also die Variante eines Castortransportes per LKW. Aber das allein hat schon mal den Irrsinn verdeutlicht, den man uns zumuten will.

Irrsinn auf Rädern

Man halte sich das einmal vor Augen. Das sollen 152 Castoren durch dicht besiedeltes Gebiet von A, also Jülich, nach B – wahrscheinlich Ahaus – geschafft werden. Der Irrsinn wird also zunächst 152 Mal stattfinden. Damit aber nicht genug. Wenn es dazu kommt, dass die Castoren nach Ahaus geschafft werden, wird es über kurz oder lang dazu kommen, dass man sämtliche Castoren mindestens ein weiteres Mal transportieren muss.

Bekanntermaßen ist der Jülicher Atommüll in der derzeitigen Form nicht brandsicher verpackt. Da wird man den Atommüll eines jeden einzelnen Castors neu verpacken müssen. Das geht nicht in Ahaus, weil es dort an den technischen Möglichkeiten fehlt. Also bleibt nichts anderes übrig, als den kompletten Tross ein zweites Mal zu bewegen – möglicherweise zurück nach Jülich. Macht dann 304 Transporte. Und sollte es nötig werden, dass ein Castor repariert werden muss – z. B. weil die Dichtigkeit der Castoren nicht gewährleistet ist – dann geht das ebenfalls nicht in Ahaus. Auch dann muss ein solcher Castor erneut bewegt werden, nämlich dahin, wo eine Reparatur technisch möglich ist – z. B. in Jülich, also zurück nach A. Und nach der Reparatur wird wieder nach Ahaus transportiert. Jede Reparatur zieht also zwei weitere Transporte nach sich. Unterm Strich bedeutet das hunderte Transporte!

Um es das an dieser Stelle deutlich zu sagen: Nicht ein einziger dieser Transporte ist akzeptabel. Allein schon deshalb, weil die Transporte durch dicht besiedeltes Gebiet laufen. Da sind wir in Duisburg besonders gefragt, denn es reicht ein Blick auf die Landkarte, um festzustellen, dass es ein Nadelöhr gibt. Irgendwo müssen die Castoren nämlich über den Rhein. Bei Straßentransporten kommt nur unsere Region in Frage. Hier stehen die Rheinbrücken für den LKW-Transport, die wir heute inspiziert haben.
Und sollte es zum Bahntransport kommen, dann wird die Rheinüberquerung vielleicht weiter südlich im Raum Düsseldorf oder Köln stattfinden, aber dann geht es anschließend nach Norden und damit abermals durch unsere Region.

Hunderte Castortransporte werden an unserer Haustür vorbei laufen. Jeder einzelne Transport stellt eine Belastung für Mensch und Umwelt dar. Jeder einzelne Transport birgt ein besonderes Unfall-Risiko . Jeder einzelne Transport stellt ein potenzielles Anschlagsziel für Terroristen dar. Das ist Irrsinn auf Rädern! Dagegen wehren wir uns.

Ein tieferer Sinn ist nicht zu erkennen

Und fragen wir mal nach dem tieferen Sinn des Ganzen, dann können wir keinen erkennen! Castoren hundertfach durch dicht besiedeltes Gebiet zu karren, und jedesmal durch Duisburg, hat mit einem verantwortlichen Umgang mit den atomaren Altlasten aus Jülich nichts zu tun. Das sind unnötige Atommüll-Spazierfahrten, die in der Substanz nichts, aber auch gar nichts bringen. Bestenfalls kann das Forschungszentrum Jülich etwas für sein Renommee tun, aber auch das ist Augenwischerei, denn mit dem havarierten Reaktor, der noch über Jahrzehnte in Jülich bleiben muss, bleibt es dabei: Jülich ist und bleibt Atomstandort. Da kann man so viele Castoren spazieren fahren wie man will.
Dabei bleibt es.

Vielleicht wird gerade an dieser Stelle nicht nur die Konzeptionslosigkeit im Umgang mit dem Jülicher Atommüll besonders deutlich, also Aktionismus nach dem Motto „Hauptsache weg damit, egal wem man das Zeug vor die Füße kippt, egal an wessen Haustür das Zeug vorbeifährt“. Hier wird auch der Zynismus der Verantwortlichen deutlich, denn diese Konzeptionslosigkeit ist hausgemacht. Da schmückt man sich Jahrzehntelang mit dem Image eines Top-Forschungsstandortes, aber ein halbwegs vernünftiges Atommülllager bringt man nicht zustande. Nur eine Billigversion und diese lässt man dann auch noch bewusst verkommen. Anschließend wäscht man seine Hände in Unschuld und behauptet, dass man jetzt eine Lagerung in Jülich nicht weiter verantworten könne. Und jetzt sollen es die Menschen in Ahaus und die, die entlang der Transportstrecke leben, ausbaden.

Nein danke, da machen wir nicht mit.

Wir fordern nicht nur einen sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft in all seinen Facetten, damit kein weiterer Müll produziert wird. Wir fordern vor allem einen zukunftsorientierten Umgang mit dem atomaren Altlasten und keinen Verschiebekreislauf von A nach B, von dort nach C und wieder zurück nach A. Wir fordern den sofortigen Bau eines Zwischenlagers hier in Jülich. Und damit keine Zweifel aufkommen. Die Kosten dafür hat nicht der Steuerzahler zu tragen. Die Kosten dafür haben diejenigen zu tragen, die uns den Atommüll eingebrockt haben.

Dieses Zwischenlager muss auch den modernsten Anforderungen entsprechen, gegen sämtliche erdenkliche Risiken gesichert sein, seien es nun Erdbeben, Terrorangriffe, Flugzeugabstürze oder was auch immer. Ein solches Zwischenlager darf man auch nicht bewusst verkommen lassen, denn es muss noch lange seinen Dienst verrichten. Bekanntlich ist kein Endlager in Sicht. Wenn nämlich die sogenannte Endlagersuchkommission eines geleistet hat, dann folgendes: Der Beweis, dass es kein Konzept gibt, wohin mit dem Müll, ist nun erbracht. Der Beweis, dass es bei den politisch Verantwortlichen kein Interesse daran gibt, den selbst formulierten Anspruch auf gesellschaftlichen Konsens einzulösen, ist nun ebenfalls erbracht.

Und in der Substanz, nämlich in der Frage „Wohin mit dem Atommüll?“ ist keine Verbesserung festzustellen. Es herrscht Ratlosigkeit allenthalben. Kein Konzept weit und breit.

Stattdessen mutet man der Bevölkerung unzählige Atommüllspazierfahrten mit all den beschriebenen Risiken zu. Das ist ein Armutszeugnis. Dagegen wehren wir uns – hier in Jülich, in Ahaus, in Duisburg und überall.

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